Ralf Isau – Das bin ich

Am Anfang war die Phantasie

Die Kreativität zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Amtliche Dokumente belegen: Die Muse hat mich schon früh geküsst. Sie hieß Lorenz. Nicht die Muse, sondern die Lehrerin, die mich im ersten Schulzeugnis als kleinen Träumer beschrieb. »Beim bildnerischen Gestalten zeigt er fantasiereiche Einfälle«, hatte sie beobachtet. Und: »Zum Schreiben fehlt ihm noch die nötige Ausdauer.« Die Kurzatmigkeit im Schriftlichen hat mir die Schule abtrainiert. Würde sie auch das Flämmchen der Phantasie ersticken?

Zeugnis der ersten Klasse

Ralf Isau

Ralf Isau

Der erste Verriss

Ja, ja, das kommt von das. So hieß ein Buch von Wilhelm Busch, das mir ein Mitschüler schenkte, weil ich ständig dichtete. Der Beginn meiner Karriere als Poet begann mit einem Verriss. In der achten Klasse sollte ich über »Berufe, die mich interessieren«, schreiben. »Ich glaube, es würde mir Spaß machen, wenn ich Schriftsteller werden würde«, textete ich. Der Deutschlehrer setzte den Rotstift an und bemäkelte meinen Stil. Er gab mir eine Drei minus. Was er nicht getilgt hat, liest sich in dem Aufsatz so: »Auch in der Schule haben mehrere Lehrer schon behauptet, dass ich eine rege Phantasie besitze.« Nun war ich also doppelt so alt. Und trotz deutschem Bildungssystem immer noch kreativ. Doch der Flamme der Phantasie drohte bereits eine neue Gefahr.

Aufschlussreicher Aufsatz

Aufsatz von Ralf Isau (1970) Aufsatz von Ralf Isau (1970)

Beruf. Raue Wirklichkeit. Ein gezähmter Poet?

Nicht nur für die Kunst schlug mein Herz. Wissenschaft und Technik begeisterten mich ebenso. Ich wollte gerne mit Computern arbeiten. In den 1970er-Jahren war das fast so revolutionär wie ein Job auf einer Raumstation. So machte ich die Informatik zu meinem Beruf. Ich dachte von nun an in abstrakten Bahnen. Würden Algorithmen bald meine Phantasie auslöschen? Mir stellte sich diese Frage nie. Die Informationstechnologie hat viele kreative Seiten. Programme zu konzipieren ist zunächst ein schöpferischer Akt. Davon bin ich auch ausgegangen, als ich 1996 meiner ersten eigenen Firma einen Namen gab. Sie hieß »Ralf Isau Creative Software«.

Da ist er wieder, der rote Faden. Mit Phantasie gelingen die meisten Dinge besser. Seit 1975 habe ich Programme designt, Betriebsabläufe organisiert, Computer verkauft, viel programmiert, Schulungen durchgeführt, die Filiale eines Softwarehauses geleitet, IT-Projekte betreut, Websites konzipiert ... Und etliche Benutzerhandbücher geschrieben! Leider lassen solche Anleitungen wenig Raum für Dramatik. Was könnte ein Romancier für spannende Geschichten mit dem Ausruf »Hilfe!« beginnen! Ich dagegen textete Sätze wie »Wenn Sie Hilfe brauchen, drücken Sie die Taste F1«. Zunehmend fühlte ich mich wie ein gezähmter Poet. Meine Phantasie glich einer Kerze unter einem Glas. Sie musste befreit werden, sollte sie nicht irgendwann ersticken. Deshalb begann ich einen Roman zu schreiben.

Von der entfesselten Phantasie zum internationalen Durchbruch

Das Projekt startete im Winter 1988. Ziel: Meiner damals neunjährigen Tochter in drei Jahren einen spannenden Schmöker zu schenken. Von eigener Hand geschrieben. Der Spaß am Fabulieren und Formulieren führte bald zum Publizieren. In der Zeitschrift DATACOM erschien im Dezember 1990 Teil eins der Artikelfolge »Umgangsformen zwischen Mensch und Computer im Spiegel der Zeit« (siehe hier). Es folgten zahlreiche weitere Veröffentlichungen. Und 1994 mein erstes Buch. Die Tochter musste sieben Jahre warten, bis sie ihren Schmöker bekam.

Mit Die Träume des Jonathan Jabbok und zwei Folgebänden gelang mir ein internationaler Erfolg: die Neschan-Trilogie. In Japan schaffte sie es bis auf Platz 2 der Bestsellerliste – gleich hinter Harry Potter. »Sage noch einer, der Umgang mit dem Computer lösche das freie Spiel der Phantasie. Der sei auf Ralf Isau verwiesen«, schrieb Hans-Joachim Graubner 1998 in der Stuttgarter Zeitung. Der Künstler in mir freute sich. Weder herzlose Maschinen, noch kritische Deutschlehrer hatten das Feuer meiner Kreativität löschen können. Doch wie lange würde es brennen?

Unkaputtbare Phantasie

»Sage noch einer, der Umgang mit dem Computer lösche das freie Spiel der Phantasie. Der sei auf Ralf Isau verwiesen.«


Hans-Joachim Graubner, Stuttgarter Zeitung, 20.8.1998

Wie aus der Flamme ein Feuerwerk wurde

Seit meinen publizistischen Anfängen vor 22 Jahren habe ich immer neue Herausforderungen gesucht. So wurde aus dem ersten Flämmchen der Phantasie ein buntes Feuerwerk. Es entstanden Artikel für Fachmagazine und die Tagespresse, umfangreiche Essays und kurze Glossen. Und natürlich meine zahlreichen Romane für Leser zwischen 10 und 110 (siehe Kasten »Ralf Isau – Ein Literat in Zahlen«). Warum jetzt noch Werbetexte?

»Der arme Poet« von Carl Spitzweg

Leidenschaft muss nicht in die Armut führen wie bei dem »Armen Poeten« von Carl Spitzweg

Viele Dichter und Literaten haben irgendwann auch Werbetexte geschrieben. Schon vor 126 Jahren machte Frank Wedekind für Maggi Reklame (ZEIT Online, 28.7.1995). Bertolt Brecht pries die Qualitäten von Automobilen an. Und der Krimiautor Wolf Haas entwarf den Slogan »Ö1 gehört gehört«. Oft spielten bei solchen Abstechern in die Werbung wirtschaftliche Gründe eine Rolle. Arme Poeten gab es nicht nur im 19. Jahrhundert, als Carl Spitzweg ihnen mit seinem berühmten Gemälde ein Denkmal setzte.

Heute verschärft sich die Situation von Jahr zu Jahr. Verlage konzentrieren sich zunehmend auf wenige Bestseller. Gleichzeitig verbreiten die neuen Medien massenhaft literarisches Fast Food. Auch in anderen Lebensbereichen begegnen wir nur noch selten guten Texten. Der Zeitgeist scheint die Sprache wegzuschwemmen wie Ackerboden ohne Wurzeln, die ihn halten. Diese und andere Entwicklungen bedrohen die künstlerische Vielfalt, denn nur von der Leidenschaft kann niemand lieben. Als im Ruhrgebiet immer mehr Zechen schlossen, hatte ein Strukturwandel die Region gerettet. Könnte man so etwas nicht auch für Schriftsteller machen?, fragte ich mich. So entstand die Idee zu Phantagon, einer Agentur für Textentwicklung und Sprachkultur.

Ralf Isau – Ein Literat in Zahlen

  • 35 Bücher
  • 15 Sprachen
  • Über 2 Millionen Gesamtauflage Bücher incl. Anthologiebeiträge

Stand Dezember 2012

Eine Agentur für Textentwicklung?

Phantagon sollte in zweifacher Hinsicht eine Agentur für Textentwicklung werden. Einerseits schüttelt man gute Texte nicht mal eben so aus dem Ärmel. Ein Texter muss sie in vielen Schritten entwickeln. Andererseits streben die Textschaffenden selbst – die Schriftsteller, Journalisten, Werbetexter – ständig nach Vervollkommnung. Was liegt da näher, als beide Prozesse zu bündeln? Wir nehmen das Sprichwort »Schuster bleib bei deinen Leisten!« ernst. Unsere Texter dürfen dem frönen, was sie am liebsten tun und was sie am besten können: kreativ Schreiben. Und damit pflegen wir zugleich die deutsche Sprachkultur. Ist das nicht eine wunderbare Symbiose?

Für mich ist Phantagon eine spannende Herausforderung, durch die ich mich einmal mehr neu erfinden kann. Solange meine Bücher begeisterte Leser finden, werde ich auch weiterhin nach Herzenslust fabulieren. Und gute Werbung erzählt ebenfalls packende Geschichten. Auf isau.de, meiner literarischen Website, steht unter dem Logo mit der Feder der Claim »Phantastisch phantastisch.« Vielleicht war Frau Lorenz ja doch meine Muse, als sie meine »fantasiereichen Einfälle« lobte. Eins ist jedenfalls sicher: Die Flamme der Phantasie brennt heller denn je.

Ralf Isau
Januar 2013

Auszeichnungen, Nominierungen, Empfehlungen *

  • Buxtehuder Bulle 1997– »Bestes erzählendes Jugendbuch im deutschen Sprachraum« – Roman Das Museum der gestohlenen Erinnerungen
  • Buch des Jahres 1998 – Jugendkreis Göttingen (»JuBuCrew«) – Roman Das Museum der gestohlenen Erinnerungen
  • Buch des Jahres 1999 – Jugendkreis Göttingen (»JuBuCrew«) – Roman Das Netz der Schattenspiele
  • Platz 3 der Moerser-Jugendbuch-Jury 1999/2000 – Roman Das Netz der Schattenspiele
  • Auswahlliste Herbst 2004 des Saarländischen Rundfunk und von Radio Bremen – Roman Der Leuchtturm in der Wüste
  • In seinem Buch Lies doch mal! Ganz aktuell – Die 50 besten Kinder- und Jugendbücher (Omnibus 2005) zählt Nicola Bardola den Roman Das Museum der gestohlenen Erinnerungen zu den zehn besten Jugendbüchern der Jahre 1996 bis 2005.
  • Empfohlen von der Stifung Lesen im Heft »Neue Kinder- und Jugendbücher« (Ausgabe 5: Herbst 2006, Seite 42) – Roman Das gespiegelte Herz
  • Buch des Monats November 2010 – Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur – Roman Der verbotene Schlüssel

* Auszug aus der Gesamtliste